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Low-Code vs. Vibe Coding: Welcher Ansatz passt zu Ihrem Projekt?

Zwei revolutionäre Ansätze der App-Entwicklung im Vergleich: Microsoft Power Platform trifft auf KI-gestützte Programmierung mit Claude und Cursor.

Was ist "Vibe Coding"?

Der Begriff wurde von Andrej Karpathy (ex-Tesla, ex-OpenAI) geprägt und beschreibt eine neue Art der Softwareentwicklung:

"There's a new kind of coding I call 'vibe coding', where you fully give in to the vibes, embrace exponentials, and forget that the code even exists." — Andrej Karpathy, Februar 2025

Beim Vibe Coding beschreibst du in natürlicher Sprache, was du bauen willst, und eine KI generiert den Code. Du "vibst" mit der KI, iterierst durch Beschreibungen, und am Ende steht funktionierender Code – ohne dass du jede Zeile selbst geschrieben hast.

Typische Tools: Cursor, Claude (Anthropic), GitHub Copilot, Windsurf, Bolt.new

Was ist Low-Code?

Low-Code ist der etablierte Ansatz, Anwendungen mit visuellen Drag-and-Drop-Interfaces zu erstellen. Statt Code zu schreiben, verbindest du vorgefertigte Komponenten.

Typische Tools: Microsoft Power Platform (Power Apps, Power Automate), Mendix, OutSystems, Retool

Tiefer einsteigen? Der komplette Power Platform Guide erklärt alle Komponenten im Detail.

Der grosse Vergleich

Kriterium Low-Code (z.B. Power Platform) Vibe Coding (z.B. Cursor + Claude)
Lernkurve Flach – visuell, intuitive UI Mittel – man muss prompts formulieren können
Zielgruppe Citizen Developers, Business-User Entwickler, tech-affine Profis
Flexibilität Begrenzt auf Plattform-Möglichkeiten Unbegrenzt – jeder Code möglich
Wartung Einfach, visuell nachvollziehbar Erfordert Code-Verständnis
Kosten Lizenzkosten (CHF 5–40/User/Monat) Tool-Kosten (CHF 20–50/Monat) + API-Kosten
Vendor Lock-in Hoch (Plattform-abhängig) Niedrig (Standard-Code)
Enterprise-Ready Ja, mit Governance-Tools Kommt drauf an – erfordert Disziplin

Wann Low-Code wählen?

Interne Tools

Formulare, Genehmigungsworkflows, einfache Dashboards für interne Prozesse.

Microsoft-Ökosystem

Wenn Sie bereits Microsoft 365, SharePoint, Dynamics nutzen – nahtlose Integration.

Nicht-technische Teams

Business-Analysten und Fachabteilungen können selbst Lösungen bauen.

Schnelle Prototypen

Innerhalb von Stunden eine funktionierende App demonstrieren.

Low-Code Beispiel: Power Apps

// Keine klassische Programmierung nötig
// Visuelle Formel in Power Apps:
Filter(
    Mitarbeiter,
    Abteilung = "Vertrieb" && Status = "Aktiv"
)

Diese Formel erstellt eine gefilterte Ansicht – ohne Backend-Code, Datenbankabfragen oder API-Endpunkte.

Wann Vibe Coding wählen?

Kundenorientierte Apps

Individuelle UX, Branding, spezifische Funktionen für Endnutzer.

Komplexe Logik

Wenn die Low-Code-Plattform an ihre Grenzen stösst.

Volle Kontrolle

Kein Vendor Lock-in, eigene Infrastruktur, offene Standards.

Moderne Stacks

React, Next.js, Supabase – neueste Technologien nutzen.

Vibe Coding Beispiel: Cursor + Claude

// Prompt an Claude in Cursor:
"Erstelle eine React-Komponente für eine 
Mitarbeiterliste mit Filter nach Abteilung. 
Nutze Tailwind CSS und zeige Status als 
farbige Badges an."

// Claude generiert den kompletten Code:
// - React-Komponente
// - State Management
// - Filter-Logik
// - Tailwind Styling
// - TypeScript Types

In Minuten entsteht produktionsreifer Code, den du vollständig kontrollierst und anpassen kannst.

Die Risiken: Wo es schiefgehen kann

Low-Code Risiken

Potenzielle Probleme

  • Shadow IT: Unkontrollierte App-Explosion
  • Performance: Bei komplexen Datenmengen
  • Limits: Irgendwann stösst man an Grenzen
  • Migration: Umzug zu anderem System schwierig

Vibe Coding Risiken

Potenzielle Probleme

  • Code-Qualität: KI generiert nicht immer optimalen Code
  • Sicherheit: Schwachstellen werden übersehen
  • Wartbarkeit: "Vibe-Code" kann chaotisch werden
  • Halluzinationen: KI erfindet manchmal APIs

Der Ralph-Wiggum-Loop

Ein häufiges Problem beim Vibe Coding: Die KI "repariert" einen Bug, indem sie drei neue einführt. Man landet in einer Endlosschleife, die Karpathy als "Ralph Wiggum Loop" bezeichnet – wie die Simpsons-Figur, die im Kreis rennt.

Mehr dazu in unserem Artikel →

Hybrid-Ansatz: Das Beste beider Welten

In der Praxis ist es oft sinnvoll, beide Ansätze zu kombinieren:

  1. Interne Prozesse: Low-Code (Power Platform)
  2. Kundenportale: Vibe Coding (Custom Code)
  3. Prototypen: Low-Code für schnelle Validierung
  4. Produktion: Custom Code für Skalierung

Praktisches Beispiel

Szenario: Sie wollen ein Kundenportal mit internem Verwaltungs-Backend bauen.

Komponente Ansatz Warum?
Admin-Dashboard Power Apps Schnell gebaut, intern genutzt, Microsoft-Integration
Kundenportal Vibe Coding (Next.js) Individuelles Design, optimale UX, SEO
Automatisierungen Power Automate E-Mail-Benachrichtigungen, Genehmigungen
Komplexe Berechnungen Azure Functions Custom Code für Spezialfälle

Kostenvergleich: Realistische Zahlen

Kostenpunkt Low-Code Vibe Coding
Entwicklungszeit (einfache App) 1–2 Tage 2–4 Tage
Entwicklungszeit (komplexe App) 2–4 Wochen 4–8 Wochen
Monatliche Kosten (5 User) CHF 100–200 CHF 20–50 (Hosting)
Monatliche Kosten (50 User) CHF 500–2000 CHF 50–200 (Hosting)
Wartung/Jahr Minimal (Plattform-Updates) Variabel (Code-Maintenance)

Fazit: Low-Code hat höhere laufende Kosten, aber tiefere Entwicklungskosten. Vibe Coding ist bei Skalierung günstiger, erfordert aber mehr initialen Aufwand.

Entscheidungshilfe: Was passt zu Ihnen?

Wählen Sie Low-Code, wenn:

  • Ihre App primär intern genutzt wird
  • Sie bereits Microsoft 365 nutzen
  • Nicht-technische Mitarbeiter Apps bauen sollen
  • Sie schnelle Resultate brauchen (Wochen, nicht Monate)
  • Standard-Prozesse abgebildet werden

Wählen Sie Vibe Coding, wenn:

  • Sie eine kundenorientierte Anwendung bauen
  • Individuelles Design und UX wichtig ist
  • Sie volle Kontrolle über den Code wollen
  • Die App skalieren soll (tausende Nutzer)
  • Sie Entwickler-Ressourcen haben

Die Zukunft: Konvergenz?

Interessanterweise verschmelzen beide Ansätze zunehmend:

  • Low-Code wird smarter: Power Platform integriert Copilot für natürlichsprachige App-Erstellung
  • Vibe Coding wird einfacher: Tools wie Bolt.new generieren komplette Apps aus Beschreibungen
  • Beide nutzen KI: Die Grenze verschwimmt

In 2–3 Jahren werden wir möglicherweise nicht mehr zwischen "Low-Code" und "Vibe Coding" unterscheiden – sondern einfach beschreiben, was wir wollen, und die KI wählt den besten Ansatz.

Welcher Ansatz passt zu Ihrem Projekt?

Ich helfe Ihnen, die richtige Strategie zu wählen – ob Low-Code, Vibe Coding oder beides.

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